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GTD - Gesundheitskompetenz von türkischstämmigen Diabetikern in Abhängigkeit von Krankheitsverlauf, Versorgungskonzept, sozioökonomischem Status und Integration

 

Projektkennung VfD_GTD_08_001781
Laufzeit von 02/2008 bis 09/2011
Webseitehttp://www.uke.de/gtd/
Status des Projekts abgeschlossen

 

Projektbeschreibung

Fragestellung(en) Über welche diabetesbezogene Gesundheitskompetenz (GK) verfügen türkischstämmige Diabetiker?

Wie unterscheidet sich die GK innerhalb der Gruppe der türkischstämmigen Diabetiker in Abhängigkeit von
... soziostrukturellen und soziokulturellen Faktoren, insbesondere Geschlecht, Bildung und Sozialstatus?

... der Einschreibung oder Nicht-Einschreibung in ein Disease-Management-Programm (DMP)?

... durchlaufenen Diabetes-Interventionen wie Schulungen, Beratungen oder von Selbsthilfeaktivitäten?


Gibt es Hinweise auf besonders akzeptierte und erfolgreiche Angebote sowie auf Ablehnungen?
Hintergrund / Ziele Im Gegensatz zur gut untersuchten psychosozialen und sozio-ökonomischen Situation deutscher Typ-2-Diabetiker ist über die Situation der Diabetiker nicht-deutscher Herkunft nur sehr wenig bekannt. Unter den in Deutschland lebenden Migrantinnen und Migranten gelten die Türkischstämmigen als eine Bevölkerungsgruppe mit besonders hohem Risiko, an einem Typ-2-Diabetes zu erkranken. Insbesondere die sogenannten Gastarbeiter profitieren wegen ihrer geringen Integration in das deutsche Gesellschaftssystem mutmaßlich nur in eingeschränktem Maße von gesundheitsfördernden und präventiven Angeboten, obgleich sie aufgrund ihrer sozialen Lage und Lebenssituation überdurchschnittlich hohen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt waren und sind. Es existierte bislang jedoch keine ausreichende empirische Basis für eine angemessene Einschätzung der Lebenssituation dieser Patientengruppe.

Das Projekt verfolgte das Ziel, durch eine Primärdatenerhebung eine solche Basis zuschaffen.

Die Ergebnisse sollen mittel- und langfristig Menschen mit Migrationshintergrund helfen, besser an gesundheitlichen und präventiven Leistungen zu partizipieren. Gesundheitliche Dienstleister und Berater sollen ihre Leistungen besser auf die Bedarfe von Diabetikern mit Migrationshintergrund abstimmen können. Darüber hinaus sollen die gewonnenen methodischen Erkenntnisse zur Weiterentwicklung ethnospezifischer Forschungsansätze beitragen. Des Weiteren werden Ansatzpunkte für präventive und gesundheitsfördernde Interventionen unter Berücksichtigung spezifischer soziokultureller Rahmenbedingungen und der Compliance dieser Zielgruppe gewonnen.
Methodik Das Projekt war als eine explorative quantitativ-empirische Verlaufstudie mit zwei Erhebungszeitpunkten angelegt. In Kooperation mit 12 Arztpraxen in Hamburg wurden in der ersten Querschnittserhebung im Zeitraum Juli 2008 bis Juli 2009 294 türkischstämmige Diabetiker von 18 türkischsprachigen Interviewerinnen persönlich befragt. In der Follow-Up-Erhebung nach einem Jahr wurden 203 der Befragten erreicht und erneut interviewt.
Die Rekrutierung der Patienten erfolgte bei 130 Patienten konsekutiv über die Arztpraxen. Pro Arztpraxis wurden maximal 30 Patienten rekrutiert, um ein Over-Sampling einzelner Praxen zu vermeiden. In einem zweiten Rekrutierungsstrang erfolgte die Rekrutierung von 164 Patienten über Mund-zu-Mund-Propaganda, durch Öffentlichkeitsveranstaltungen in den Moscheen und Moscheevereinen sowie über die sozialen Netzwerke der Interviewerinnen.
Die Erfahrungen und Sichtweisen der Ärzte, Diabetesberater, Krankenkassenmitarbeiter und anderer relevanter Akteure wurden in 34 qualitativen Fokus-Interviews erhoben. Die fachliche Begleitung erfolgt durch einen Beirat aus Praktikern und Wissenschaftlern.
Datenbasis Primärdaten
   Befragung telefonisch  (Stichprobengröße: 34)
   Interview (Face to face)  (Stichprobengröße: 294)
   Gruppendiskussion/Fokusgruppe  (Stichprobengröße: 2)
Studiendesign Längsschnittstudie
Beobachtungsstudie
Untersuchte Geschlechter weiblich und männlich
Untersuchte Altersgruppen von 40 bis 85 Jahre
Ergebnisse Die in der Studie untersuchten türkischstämmigen Menschen mit Diabetes sind im Durchschnitt 59 Jahre alt (s=9,1), 53 % von ihnen sind Frauen. Die Befragten leben seit durchschnittlich 32 Jahren in Deutschland (s=8,6 Min=1 Jahr, Max=47 Jahre) und besitzen zu 87 % weiterhin die türkische Staatsangehörigkeit. Der Bildungsgrad ist insgesamt gering: ein Viertel der Befragten verfügen über gar keine Schulbildung (35 % der Frauen, knapp 12 % der Männer) und etwa die Hälfte (49 %) haben lediglich 4-5 Jahre eine Schule besucht. Knapp die Hälfte der Befragten kann kaum oder gar nicht lesen und schreiben, wobei auch hier die Frauen deutlich schlechter abschneiden. Auch ist der Anteil derjenigen mit einem guten deutschen Sprachverständnis mit knapp 29 % gering.

78 % der Interviewten sind verheiratet und nahezu alle haben Kinder (96 %, durchschnittlich 3,6 Kinder pro Person). Die durchschnittliche Haushaltsgröße beträgt drei Personen, alleinlebend sind nur 14 %.

Die Diagnose Diabetes mellitus 2 besteht im Durchschnitt bereits seit neun Jahren (s=7,6), insulinpflichtig sind 39 % der Befragten. Im Mittel leiden die Patienten unter 2,2 Begleit- oder Folgeerkrankungen (s=1,5), wobei die Frauen durchschnittlich 2,6 Begleit- oder Folgekrankheiten angeben (s=1,4) während es bei den Männern nur 1,8 Krankheiten sind (s=1,5) (p = 0,000, Mann-Whitney-Test). Risikofaktoren wie Alkohol- und Tabakkonsum spielen kaum eine Rolle: 86 % trinken nach eigener Aussage niemals Alkohol, und nur ein Fünftel der Befragten raucht, hier allerdings doppelt so viele Männer wie Frauen. Allerdings liegt bei dem Body Mass Index mit durchschnittlich 32 kg/m2 (s=6,3) ein recht hoher Wert vor.

Die DMP-Patienten (DMP-Selbstauskunft) sind nach Prozess-Qualitätsindikatoren besser versorgt als die nicht eingeschriebenen Patienten. Sie werden häufiger zum Augenarzt überwiesen (96,3 % vs. 81,4 %, p = 0,000), ihre Füße werden häufiger untersucht (89,8 % vs. 65,7 %, p = 0,000) und der überwiegende Teil von ihnen verfügt über einen Diabetikerpass (85,2 % vs. 43,9 %, p = 0,000). Zudem äußern die Eingeschriebenen eine höhere Behandlungszufriedenheit als die Nicht-Eingeschriebenen (zufrieden bis sehr zufrieden: 87,9 % vs. 72,1 %, p = 0,002 [Mann-Whitney-Test]). In diesen Indikatoren unterscheidet sich diese Gruppe der türkischen Eingeschriebenen nicht von einer Gruppe von 702 hauptsächlich deutschen GEK-Versicherten im Diabetes-2-DMP (Ruß-Thiel 2008).

Rund zwei von drei unserer Befragten haben bereits an einer Diabetesschulung teilgenommen, von diesen haben 60 % eine türkischsprachige Schulung besucht. Die Zuweisung zu einer deutsch-, türkisch- oder gemischtsprachigen Schulung entspricht relativ genau dem Grad des Verstehens der deutschen Sprache, wie sie hier erfasst wurde. Der Anteil der, die ohne oder mit unsicherer Deutschkenntnis an einer deutschsprachigen Schulung teilgenommen haben, beträgt nur 11,4 %. Bei mehrheitlicher Zufriedenheit berichten allerdings 43 % der Frauen und 34 % der Männer, die Schulung habe ihnen wenig oder gar nichts gebracht. Tendenziell profitieren die Befragten mit höherer Schulbildung stärker von den Schulungen. 62 % aller Befragten benennen einen Bedarf nach einer Schulung bzw. weiterer Schulungen.

Offensichtlich trägt die Teilnahme an einer speziellen Schulung zu einer Erweiterung des Diabeteswissens bei. So konnten Befragte, die bereits an einer oder mehreren Diabetes-Schulungen teilgenommen haben, signifikant häufiger (p=0,000 Mann-Whitney-Test) die richtigen Antworten auf die gestellten Fragen des Wissenstest angeben. Dennoch war nur knapp die Hälfte (46 %) der Befragten in der Lage, zumindest rudimentär die Zuckerkrankheit zu beschreiben. Eine Erklärung, die das Zusammenspiel von Blutzucker und Insulin beinhaltete, konnten insgesamt nur 15 % der Befragten geben. Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff „HbA1c“ oder einem in der Praxis alternativ benutzten Begriff wie „Langzeitblutzucker“, „Blutzuckergedächtnis“ etc.

Über den Zeitverlauf von 12 Monaten bleibt die Versorgungssituation insgesamt stabil. Die Ärzte bewerten in diesem Zusammenhang das DMP bezogen auf diese Zielgruppe und in diesem Kontext insbesondere wegen des Recall-Systems als sehr hilfreich. Verbesserungen oder Stabilität im Zielwert HbA1c erreicht allerdings nur die Gruppe der Patienten mit Zielvereinbarung "HbA1c senken", die Gruppe mit Zielvereinbarung "HbA1c halten", verschlechtert sich leicht.

Forschende und kooperierende Einrichtungen

Projektverantwortliche

Förderung

Veröffentlichungen

Schlagwörter

 

Stand: 25.06.2012