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Wirksamkeit von Handheld-gestütztem Selbstmanagement (E-Coaching) in der Rehabilitations-Nachsorge

 

Projektkennung VfD_08_001778
Laufzeit von 03/2008 bis 02/2011
Status des Projekts abgeschlossen

 

Projektbeschreibung

Fragestellung(en) Können Patienten mit übermäßiger beruflicher Verausgabungsbereitschaft durch ein Handheld-gestütztes Nachsorgeangebot (E-Coaching) in der ambulant-poststationären Phase nach einer stationären psychosomatischen Rehabilitationsmaßnahme ihre Selbstmanagementfähigkeiten verbessern und dadurch kurz- und mittelfristig ihre Verausgabungsbereitschaft günstig beeinflussen und ihr körperliches und seelisches Wohlbefindens stabilisieren?
Hintergrund / Ziele Adäquate therapeutische Betreuung nach einer stationären Rehabilitationsmaßnahme ist für Kosten- und Leistungsträger ein zentrales Anliegen, dessen Umsetzung sie entsprechend durch personalintensive, strukturierte Angebote (IRENA, MERENA) fördern. In letzter Zeit werden in der Reha-Nachsorge auch die Internet-Chat-Gruppen und SMS-Interventionen erfolgreich eingesetzt.
Das Forschungsprojekt hatte zum Ziel, eine neuartige, durch Taschencomputer (Handheld) gestützte und damit ökonomische Intervention („E-Coaching“) zu evaluieren, die es Patienten nach Entlassung aus einer stationären psychosomatischen Rehabilitationsklinik erleichtern sollte, neu erworbene Verhaltensweisen im Alltag zu Hause einzuüben und dadurch den Rehabilitationserfolg zu sichern.
E-Coaching als Interventionsmethode basiert vor allem auf Erkenntnissen der psychologischen Theorien zu Selbstregulation und Selbstmanagement. Via Handheld Computer wird der Patient mehrmals am Tag programmgesteuert aufgefordert, seine Aufmerksamkeit auf sein derzeitiges Verhalten und Erleben zu richten, es daraufhin zu überprüfen, ob es die Entstehung körperlicher oder seelischer Symptome begünstigt, es gegebenenfalls im Sinne der in der Behandlung erarbeiteten Strategien zu korrigieren und nach einer von ihm über den E-Coach festgelegten Zeitspanne zu überprüfen, ob diese Korrekturen erfolgreich waren.
Die Evaluation beschränkte sich auf erwerbstätige, bei Entlassung aus der Klinik arbeitsfähige Patienten mit übermäßiger arbeitsbezogener Verausgabungsbereitschaft, die nach Ende der stationären Rehabilitation ins Berufsleben zurückkehrten. Ausgeschlossen wurden Patienten mit laufendem Rentenverfahren, Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen der Cluster A und B und Patienten mit Anorexia oder Bulimia nervosa.
Geprüft wurde die Hypothese, dass E-Coaching die berufsbezogene Verausgabungsbereitschaft der selektierten Patienten poststationär günstiger beeinflusst als eine Vergleichsintervention („Vorsatz-Therapie“), die vom Therapiekonzept her E-Coaching ähnelt, allerdings keine Handhelds nutzt. Es wurde außerdem hypostasiert, dass sich diese Überlegenheit von E-Coaching auch in anderen Variablen zeigt: in größeren Veränderungen der Selbstregulationsfähigkeiten und günstigeren Verläufen von körperlichen und seelischen Beschwerden. Letzte Hypothese war, dass E-Coaching als Therapiemethode besser akzeptiert wird als die Vergleichsintervention.
Methodik Die Studie wurde als randomisierte Kontrollgruppenstudie mit einer Experimentalgruppe („E-Coaching“) und einer Vergleichsgruppe („Vorsatz-Therapie“) realisiert. Zur Randomisierung zugelassen waren Patienten, die die Ein- und Ausschlusskriterien erfüllten und die E-Coaching nach einer psychoedukativen Einführung und einer Phase der praktischen Nutzung (Kurzbehandlung „Selbstfürsorglich im Alltag“) am Ende des stationären Aufenthalts als voraussichtlich persönlich hilfreich eingeschätzten. Basis der Akzeptanzeinschätzungen waren zwei neu entwickelte, auf die spezielle Thematik zugeschnittene Fragebögen, welche die Patienten im Rahmen der Kurzbehandlung ausfüllten.
Die Studie folgte einem Randomized Consent Design: Nach der Kurzbehandlung wussten die Patienten noch nicht, dass es eine nachfolgende Studie geben würde. Erst nach Entlassung wurden in die Experimentalgruppe randomisierte Patienten, ohne von der Existenz einer Vergleichsgruppe zu wissen, zur Teilnahme an den E-Coaching-Interventionen eingeladen, in die Vergleichsgruppe randomisierte Patienten in entsprechender Weise zur Teilnahme an den Interventionen der Vorsatztherapie. Bei der Vorsatztherapie wurden die Patienten angehalten, die Strategien der Selbstfürsorglichkeit, die sie sich während des Klinikaufenthaltes – unter anderem in der Kurzbehandlung - erarbeitet hatten, in ihrem Alltag zu Hause zu praktizieren. Beide Versuchsgruppen erhielten die Interventionen jeweils sieben Tage lang vier bzw. 25 Wochen nach Entlassung aus der stationären Rehabilitation.
Primäre Zielgröße war die berufsbezogene Verausgabungsbereitschaft. Als sekundäre Zielgrößen wurden untersucht: Selbstregulationskompetenzen (Selbstbestimmung, Selbstmotivierung, Selbstberuhigung, Misserfolgsbewältigung, Selbstgespür), Selbstfürsorge, Beschwerdedruck durch psychische und somatische Symptome und die Akzeptanz der angewendeten Interventionsmethode.
Die Datenbasis lieferten Erhebungen an drei Messzeitpunkten – Prä (Ende des stationären Aufenthalts = Anfang der poststationären Phase), Post (Ende der ambulanten Interventionen mit E-Coaching bzw. Vorsatztherapie sechs Monate nach Entlassung aus der stationären Reha), Katamnese (sechs Monate nach Ende der ambulanten Interventionen) mit standardisierten, psychometrischen Verfahren: AVEM (Schaarschmidt & Fischer, 2006), SSI-K3 (Kuhl & Fuhrmann, 2003), MUM (Lutz, 2001), HEALTH-49 (Rabung et al., 2007) und FBI (Fragebogen zur Bewertung der Interventionen; Bencetic, 2010).
An der Kurzbehandlung „Selbstfürsorglich im Alltag“ nahmen N = 474 Patienten teil. 279 Patienten erfüllten nach Abschluss der Kurzbehandlung das Akzeptanzkriterium für die Teilnahme an der poststationären Interventionsstudie (EG=158, KG=121). Für die Experimentalgruppe des RCT konnten N = 126 Patienten rekrutiert werden, für die Vergleichsgruppe N = 109 Patienten. Nach abgeschlossener Teilnahme an den Interventionen 1 und 2 gab es von N = 90 Patienten der Experimentalgruppe und von N = 53 Patienten der Vergleichsgruppe auswertbare Daten. Bis zur abschließenden Auswertung für diesen Bericht lagen Katamnesedaten von N = 57 Patienten der Experimentalgruppe und N = 43 Patienten der Vergleichsgruppe vor.
Datenbasis Primärdaten
   Befragung postalisch  (Stichprobengröße: 235)
Studiendesign Randomisierte kontrollierte Studie (RCT)
Untersuchte Geschlechter weiblich und männlich
Untersuchte Altersgruppen von 18 bis 65 Jahre
Ergebnisse Deutlich über 90% der Patienten, die während des stationären Aufenthalts an der Gruppenedukation (über 90 Minuten) teilnahmen, gaben an, ihr Wissen über Selbstmanagement erweitert zu haben, erlebten das Thema der Veranstaltung als gut vermittelt und als persönlich relevant. Nach der praktischen Nutzung des Geräts zeigten zwei Drittel der Patienten eine positive Einstellung zum E-Coaching als therapeutischer Maßnahme. Zwei Drittel der Patienten erlebten E-Coaching als benutzerfreundlich. Akzeptanz und Aufgeschlossenheit gegenüber E-Coaching waren unabhängig von Alter, Geschlecht und Schulbildung. Nach den praktischen Erfahrungen mit E-Coaching in den beiden Interventionsphasen bewerteten fast drei Viertel der Patienten diese Interventionsmethode rückblickend als persönlich relevant und hilfreich.

Die Patienten beider Untersuchungsbedingungen konnten den während der stationären Rehabilitationsmaßnahme erreichten Behandlungserfolg hinsichtlich des Beschwerdedrucks aufrecht erhalten. Hinsichtlich der im stationären Bereich erzielten, positiven Effekte bei der Verausga-bungsbereitschaft erreichten sie sogar eine weitere Reduktion.

Die forschungsleitende Hypothese konnte allerdings nicht bestätigt werden. Weder im Hinblick auf die primäre Zielgröße der Verausgabungsbereitschaft noch auf die sekundären Zielgrößen (Selbstregulationsfähigkeiten, Selbstfürsorge und Beschwerdedruck) war eine Überlegenheit von E-Coaching gegenüber der Vorsatztherapie nachzuweisen. In der sekundären Zielgröße der Selbstfürsorge ergaben sich in beiden Gruppen keine signifikanten Veränderungen durch die Interventionen.

Diskussion:
E-Coaching erfüllte in seiner jetzigen Form nicht die Erwartungen, die wir in es gesetzt hatten. Zwar wurde die PDA-gestützte Intervention gegen eine sehr harte Vergleichsmethode ins Rennen geschickt, die mit verhaltenstherapeutisch bewährten Mitteln die Patienten unterstützte, ihre Erfolge aus der stationären Rehabilitation zu sichern, aber es hätte seine Feuerprobe gegen eine solche Bedingung bestehen müssen, um den finanziellen Mehraufwand für Programm und Gerätschaft zu rechtfertigen. Andererseits ist zu bedenken, dass es zuvor keine vergleichbaren Erfahrungen mit Handheld-Computern in der Psychotherapie gab, es sich um eine Neuentwicklung handelte, die mit den vorgegebenen Einstellungen und Programmmerkmalen Schwächen aufwies (zu wenig abwechslungsreich und „unterdosiert“ war, eine unangenehme Hab-Acht-Stellung erzeugte etc.) – Schwächen, welche behoben werden können. Es ist in jedem Fall ge-lungen zu zeigen, dass ein Programm wie E-Coaching zuverlässig läuft, von den Patienten mühelos bedient werden kann und ihnen als therapeutische Intervention über weite Strecken plausibel erscheint. Insofern kann E-Coaching als ein erster, viel versprechender Schritt in der Entwicklung einer neuen Therapiekonzeption und –technologie betrachtet werden. Der nächste Schritt ist mit „eATROS“ bereits in die Wege geleitet, einem Smartphone-gestützten Reha-Nachsorgekonzept für Patienten mit affektiven Störungen, das die Vorteile von PDA und Telefon zur Fortführung kognitiv-behavioraler Behandlung der Patienten nach der stationären Reha in sich zu vereinen versucht.

Forschende und kooperierende Einrichtungen

Projektverantwortliche

Förderung

Veröffentlichungen

Schlagwörter

 

Stand: 04.10.2012