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HCU-CAD - Morbidität, Inanspruchnahme, Qualität und gesundheitsbezogene Ergebnisse bei koronarer Herzkrankheit (KHK)

Analysen auf der Basis von Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenversicherung unter besonderer Berücksichtigung vulnerabler Gruppen

 

Projektkennung VfD_HCU-CAD_12_003767
Laufzeit von 02/2012 bis 12/2014
Status des Projekts abgeschlossen

 

Projektbeschreibung

Fragestellung(en) Die zentrale Fragestellung des Projektes lautet: Erhalten vulnerable Gruppen, die an KHK erkrankt sind, in vergleichbarem Umfang (qualitativ hochwertige) KHK-spezifische gesundheitliche Versorgung wie Patienten aus weniger vulnerablen Gruppen?
Hintergrund / Ziele Ziel der Studie ist es, bevölkerungsbezogene Informationen zur Inanspruchnahme von Leistungen des Gesundheitssystems durch Personen mit koronarer Herzkrankheit und zum Ergebnis ihrer gesundheitlichen Versorgung zu gewinnen. Darüber hinaus sollen empirisch fundierte Hinweise zur Qualität der Versorgung der koronaren Herzkrankheit abgeleitet werden. Der Focus der Studie ist auf vulnerable Patientengruppen gerichtet (Frauen, Hochbetagte und Personen mit türkischen Migrationshintergrund), d. h. es soll untersucht werden, inwiefern die Zugehörigkeit zu einer dieser Gruppen die Qualität der KHK-spezifischen gesundheitlichen Versorgung, darunter insbesondere die Mortalität, beeinflusst und welche weiteren Faktoren die gesundheitsbezogenen Ergebnisse mitbestimmen. Auch werden die Unterschiede in der Häufigkeit der KHK (KHK-Morbidität) in den genannten Gruppen dargestellt. Erkenntnisleitend waren folgende Hypothesen
1.Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung erhalten Angehörige vulnerabler Gruppen mit KHK, bzw. nach einem erlittenen Herzinfarkt, eine qualitativ weniger hochwertige KHK-spezifische Versorgung:
2.Die in Anspruch genommene Versorgung ist seltener leitliniengerecht.
und
3.Die Zugehörigkeit zu einer vulnerablen Gruppe ist ein stärkerer Prädiktor für Health Out-comes als Qualitätsindikatoren der Versorgung
Methodik Zielerkrankungen sind (1) erstmalig ICD-kodierte ambulant-ärztliche KHK-Diagnose im Index-Jahr ohne ambulant oder stationär dokumentierte KHK-Diagnose in den vorausgegangenen zwei Jah-ren (ICD-Kodes I20-I25), (2) erstmalig dokumentierter Herzinfarkt und kein dokumentierter Herz-infarkt in den ambulanten oder stationären Leistungsdaten in den vorausgegangenen zwei Jahren (ICD-Kodes I21, I22).
Charakterisierung vulnerabler Gruppen. Vulnerable Gruppen wurden charakterisiert anhand des Alters (Hochbetagte (>= 80 Jahre vs. jüngere Altersgruppen), des Geschlechts (Frauen vs. Männer) und des Merkmals Migrationshintergrund (türkisch vs. Allgemeinbevölkerung). Zur Identifikation von Versicherten mit türkischem Migrationshintergrund wurde in der jeweiligen Hauptverwal-tung der beteiligten Krankenkassen die Onomastik-Methode (Zuordnung des Migrationshinter-grundes auf Basis der Namensforschung) eingesetzt.
Einbezogene Health Outcomes. Kardiovaskuläre Ereignisse und Gesamtmortalität
Datenbestände. Einbezogen wurden die Abrechnungsdaten der AOK-Niedersachsen und der Kaufmännischen Krankenkasse, die zusammen ca. 4,2 Mio. Versicherte umfassen, entsprechend ca. 5% der pflichtversicherten deutschen Wohnbevölkerung. Genutzt wurden dabei neben pseu-donymisierten Stammdaten (u. a. zu Geschlecht, Alter, Berufsgruppen, Versichertenzeiten und Versichertenstatus) u.a. die ebenfalls pseudonymisierten Daten zum ambulant-ärztlichen und akut-stationären Bereich (jeweils einschließlich der ICD10-Codes) und Arzneimittelverordnungen (einschließlich ATC-Codes, Pharmazentralnummer und DDDs).
Datenqualität. Zwar handelte sich v.a. um Daten, die für die Berechnung der Ausgleichszahlungen aus dem morbiditätsorientierten Gesundheitsfond sowie für die Leistungsabrechnung der beteiligten Krankenkassen genutzt werden, so dass wir von einer hohen Datenqualität ausgehen können, trotzdem erfolgten weitere Plausibilitäts- und Qualitätsprüfungen (z.B. Abschätzung der Vollständigkeit, Prüfung auf ungültige Klassifikationsschlüssel).
Querschnittliche Auswertungen. Durchgeführt wurden zunächst kalenderjährliche querschnittliche Analysen für die Jahre 2004 bis 2010, stratifiziert nach Altersgruppen, Geschlecht und Migrati-onshintergrund. Längsschnittliche Analysen. Versicherte mit dokumentierter Zielerkrankung im Jahr 2006 und ohne dokumentierte Zielerkrankung in den vorausgegangenen zwei Jahren (2004 und 2005) wurden prospektiv für mindestens 36 (bis 12/2010) auf ihrem Weg durch das Versor-gungssystem nachverfolgt. Statistische Methoden. Alle Raten und Mittelwerte wurden standardisiert nach Alter und Geschlecht, ggf. durch Berücksichtigung als Prädiktoren im Rahmen multiva-riater statistischer Modelle wie der logistischen, der Cox-, der Poisson- und der Negbin-Regression.
Qualitäts- und Performance-Indikatoren. In der ersten Projektphase wurden systematische Litera-turrecherchen zu Qualitäts- und Performance-Indikatoren durchgeführt, die geeignet sind, die KHK-Versorgung zu bewerten. Geeignet sind Indikatoren v.a. dann, wenn sie sich mit den in den Routinedaten verfügbaren Informationen angemessen nachbilden bzw. operationalisieren lassen.
Datenbestände. Nach Aufarbeitung zur Auswertung zur Verfügung standen die Stammdaten von ca. 680.000 Versicherten mit koronarer Herzkrankheit, dazu gehörige 43 Mio. ambulant ärztliche Behandlungsfälle, 2,6 Mio. Krankenhausbehandlungsfälle und 99 Mio. Arzneimittelverordnungen. Ergänzt wurden die Daten um eine bevölkerungsrepräsentative Versichertenstichprobe im Umfang von ca. 1,9 Mio. Personen.
Datenbasis Sekundärdaten
   Krankenkassen - GKV  (Stichprobengröße: 1.900.000)
Studiendesign Querschnittstudie
Längsschnittstudie
Beobachtungsstudie
Untersuchte Geschlechter weiblich und männlich
Untersuchte Altersgruppen von 18 bis 100 Jahre
Ergebnisse Prävalenz und Inzidenz von Koronarer Herzkrankheit und Myokardinfarkt im Jahr 2006
Die Ausgangsstichprobe umfasst ca. 1,9 Mio. Versicherte beider Krankenkassen, darunter 52% Frauen und 6,4% Hochbetagte, 2,7% mit türkischem Migrationshintergrund (türk. MigH) und 4,0 % Ausländer ohne türkischen Migrationshintergrund. Die Alters- und Geschlechtsverteilung der Stichprobe stimmt gut mit der vom Statistischen Bundesamt für das Jahr 2006 veröffentlichten überein. Versicherte mit türkischem Migrationshintergrund sind deutlich jünger, 45% sind jünger als 30 Jahre. Dagegen sind Deutsche ohne türkischen MigH nur zu ca. 26% jünger als 30 Jahre. In der Stichprobe enthalten sind 0,13 Mio. Personen mit dokumentierter KHK und in etwa 25 Tsd. Versicherte mit dokumentiertem Myokardinfarkt.
Unter Deutschen ohne türkischen Migrationshintergrund sind in etwa 7,4% von einer KHK betrof-fen (1,4% Myokardinfarkt, MI), bei Personen mit türkischem Migrationshintergrund sind es nur 3,5% (0,5% MI) und damit in etwa vergleichbar viele wie bei Ausländern ohne türkischen Migrati-onshintergrund (KHK: 3,3%, MI: 0,6%).
Prävalenzrate der KHK in der ambulanten Versorgung im Jahr 2006
Die Prävalenzrate einer ambulant ärztlich dokumentierten KHK ist bei Frauen deutlich niedriger als bei Männern und nimmt mit dem Alter bei beiden Geschlechtern deutlich zu. Bei Frauen steigt die Rate von 1.478 pro 100.000 Frauen im Alter zwischen 40 und unter 50 Jahren auf 33.330 pro 100.000 Frauen im Alter von 80 Jahren und älter (bei Männern in den entsprechenden Alters-gruppen steigt die Prävalenzrate von 2.955 auf 44.652). Die Zunahme dokumentierter KHK mit dem Alter ist unabhängig vom Migrationsstatus zu beobachten. Berücksichtigt man jedoch die un-terschiedliche Alterszusammensetzung treten sehr deutliche Unterschiede in Abhängigkeit vom Merkmal Migrationshintergrund zu Tage: Frauen mit türk. MigH haben eine deutlich höhere KHK-Prävalenz als Deutsche ohne MigH und Ausländerinnen ohne türk. MigH. So beträgt die alters-standardisierte ambulante Prävalenzrate für pro 100.000 Frauen mit türk. MigH 7.322, für Deut-sche ohne türk. MigH 5.677 und für Ausländerinnen ohne türk. MigH 5.437 . Unter gleichzeitiger Betrachtung von Alter, Geschlecht, Migrationsstatus, Region und Anzahl versicherter Tage im Jahr 2006 mittels logistischer Regression zeigt sich u.a.
•Das männliche Geschlecht hat gegenüber dem weiblichen ein OR von 1,87 (95% KI: 1,85-1,89), also ein deutlich erhöhtes Risiko für (ambulant diagnostizierte) KHK.
•Der Gradient des OR über die Altersklassen ist enorm und reicht von rund 4 der 30- bis unter 40-Jährigen bis zu rund 400 der Hochbetagten (bezogen auf die Referenzkategorie der unter 30-Jährigen).
•Versicherte mit türkischem MigH weisen (gegenüber den Deutschen ohne) multivariat standardisiert ein um rund 90% signifikant erhöhtes Risiko auf (OR 1,84, 95% KI 1,94 bis 2,05). Das gilt nicht für Ausländer ohne türkischen Migrationshintergrund (OR=1,05 95% KI 1,01 bis 1,1)
Inzidenzrate der KHK in der ambulanten Versorgung im Jahr 2006
Als Neuerkrankungsfälle (Inzidenz) haben wir diejenigen Personen mit Indexereignis in 2006 be-trachtet, bei denen in den zwei Jahren davor weder ambulant noch stationär eine KHK dokumentiert ist. Neuerkrankungsraten sind naturgemäß deutlich niedriger als Prävalenzraten. So beträgt die auf die mittlere Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland hin altersstandardisierte Inzi-denz 1.283 Neuerkrankungen auf 100.000 Versichertenjahre (Frauen: 1.149, Männer: 1.360). Die Altersgänge ähneln sehr stark der der Prävalenzrate, allerdings ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern wesentlich geringer als bei der Prävalenz.
Das Verhältnis der KHK-Häufigkeit zwischen den Versicherten mit türkischem Migrationshintergrund und deutschen Versicherten ohne diesen fällt auch bei Betrachtung der Inzidenz in fast al-len Altersgruppen ähnlich ungünstig für die zuerst genannte Gruppe aus wie im Bereich der Prä-valenz. Insbesondere bei Frauen in der Altersgruppe 40 bis unter 50 Jahren nimmt das Inzidenzverhältnis mit 2,8 eine erhebliche Größe an (im Bereich der Prävalenz beträgt es 2,5).
Betrachten wir die multivariat standardisierten Odds Ratios (gleichzeitig betrachtete Variablen: Al-ter, Geschlecht, Migrationsstatus, Region und Anzahl versicherter Tage in 2006), zeigt sich im Al-tersgang das gleiche Phänomen, was wir schon bei der Betrachtung der altersspezifischen Inzi-denzraten diskutiert haben: Das Verhältnis der ORs zwischen Prävalenz und Inzidenz nimmt (höchst plausibel) mit zunehmendem Alter stark ab. Die Erhöhung des KHK-Risikos bei Männern im Vergleich zu Frauen ist bei Betrachtung der Inzidenz anstelle der Prävalenz viel geringer und beträgt nur noch rund 20% (OR 1,19 95% KI 1,16 bis 1,22). Personen mit türk. MigH haben eine OR von 2,2 (95% KI 2,0 bis 2,4) für eine in 2006 neu diagnostizierte KHK gegenüber Deutschen ohne türk. MigH.
Prävalenzrate des Myokardinfarkt in der ambulanten und stationären Versorgung im Jahr 2006
Zur Abschätzung der Prävalenz des Myokardinfarktes haben wir ambulante und stationäre Diag-nosen im Indexjahr 2006 herangezogen, wobei die früheste Diagnose im Jahr 2006 maßgeblich für die Zuordnung war.
Wir finden eine altersstandardisierte Prävalenzrate in Höhe von 1.328 Ereignisse (Frauen: 741; Männer: 2.120) je 100.000 Versichertenjahre. Frauen mit türkischem Migrationshintergrund haben in den Altersgruppen bis unter 80 Jahren eine höhere Prävalenz des Myokardinfarkts als deut-sche Frauen ohne türkischen Migrationshintergrund. Altersstandardisiert ergeben sich die folgende Myokardinfarkt-Prävalenzen je 100.000 Versichertenjahre:
•Deutsche ohne türk. MigH: Frauen 738, Männer 2.124
•Versicherte mit türk. MigH: Frauen 814, Männer 2.077
•Ausländer ohne türk. MigH: Frauen 641, Männer 1.623.
Das Infarktrisiko steigt noch stärker mit dem Alter als die KHK-Prävalenz (OR 10 bei den 30 bis unter 40 Jährigen auf 2.000 bei den Hochbetagten). Versicherte mit türkischem Migrationshinter-grund haben gegenüber Deutschen ohne solchen ein erhöhtes Infarktrisiko, aber die Erhöhung fällt mit 30% (OR 1,28, 95% KII 1,14 bis 1,45) moderater aus als bei der KHK, wo wir nahezu eine Verdoppelung beobachten konnten
Inzidenzrate des Myokardinfarkt in der ambulanten und stationären Versorgung im Jahr 2006
Der Ausschluss von Versicherten, bei denen innerhalb von zwei Jahren vor dem Indexereignis bereits ambulant oder stationär ein akuter oder rezidivierender Myokardinfarkt dokumentiert wur-de, erlaubt eine Schätzung der Inzidenz. Die altersstandardisierte Inzidenzrate beträgt 194 Myo-kardinfarkte je 100.000 Versichertenjahre (Frauen: 134; Männer: 264). (Sehr hohes) Alter und männliches Geschlecht zeigen sich unter gleichzeitiger Betrachtung weiterer Variablen auch in Bezug auf die Inzidenz von Myokardinfarkten als relevante und statistisch bedeutsame Einfluss-faktoren. Allerdings wird der Einfluss etwas nivelliert durch den Einbezug von ambulanten „Erstdiagnosen“. Konzentriert man sich ausschließlich auf Fälle mit einer erstmaligen stationären Diag-nose MI treten die Zusammenhänge stärker hervor: Mann OR 2,26 (95% KI 2,07 bis 2,46), hoch-betagt vs. unter 30 Jährige: OR 986 (95% KI 408 bis 2.382) . Das Risiko für Personen mit türk MigH unterscheidet sich nicht von dem von Deutschen ohne türk. MigH OR 1 (95% KI 0,65 bis 1,45). Erstaunlicherweise haben jedoch Personen mit türk MigH ein höheres Risiko für einen erstmalig ambulant ODER stationär diagnostizierten MI (OR 1,53, 95% KI 1,18 bis 1,98) was ggf. als ein erster Hinweis auf Versorgungsdefizite gewertet werden kann
Ambulante Arztkontakte, stationäre Krankenhausaufenthalte und koronare Revaskularisation 2004 bis 2010 – zeitliche Trends in der Inanspruchnahme
Ambulante Inanspruchnahme
Ambulante Arztkontakte sind häufig in dem betrachteten Versichertengut und steigen in den Be-obachtungsjahren deutlich und in allen betrachteten Subgruppen merklich an. Beispielsweise liegt die mittlere Anzahl Behandlungskontakte bei Männern im Herzinfarktkollektiv zwischen 10 pro Jahr in 2004 und 13,8 in 2009. Bedeutsame Unterschiede in Bezug auf die betrachteten vulnerab-len Gruppen werden nicht evident.
Stationäre Inanspruchnahme - Krankenhausfälle und Verweildauer
Die mittlere Anzahl der Krankenhausfälle mit einer Entlassungsdiagnose KHK oder Herzinfarkt geht zwischen 2004 und 2010 bei Männern und Frauen, in allen Altersgruppen und unabhängig vom Migrationshintergrund deutlich zurück. Beispielsweise Männer 2004, altersstandardisiert: von 9,7 KHK-assoziierte Krankenhausaufenthalte pro 100 Versichertenjahre auf 4,6 im Jahr 2010 (-51%). Bei Frauen ist der Rückgang genauso hoch (von 10,9 auf 5,3 pro 100 VJ, entsprechend -52%). In allen Beobachtungsjahren haben die mittleren Altersgruppen der 40 bis unter 80 Jähri-gen die meisten KHK- oder herzinfarkt-assoziierten Krankenhausaufenthalte, deutlich weniger als Jüngere oder Hochbetagte. Bei Versicherten mit türk MigH sind Herzinfarkt-assoziierte Kranken-hausaufenthalte altersstandardisiert von 7,0 (in 2004) auf 5,5 (in 2010) nu rum 20% gesunken.
Die Verweildauer KHK-assoziierter Krankenhausaufenthalte ist in allen betrachteten Subgruppen zwischen 2004 und 2010 deutlicher gesunken als die Verweildauer der Herzinfarkt-assoziierten Krankenhausaufenthalte (z.B. Verweildauer KHK Frauen, altersstandardisiert: 2004: 7,5 Tage, 2010: 6,3 Tage, Reduktion um 16%; Herzinfarkt 2004: 10,9 Tage, 2010: 10 Tage, Reduktion um 8%).
Koronare Revaskularisation
In unserem Kollektiv nimmt die Rate der koronaren Revaskularisationen bei Patienten mit Herzin-farkt ab – sie sinkt von 83,7 pro 1000 Vj in 2004 auf 52,7 pro 1000 Vj in 2010. Diese Entwicklung reflektiert die insgesamt im Beobachtungszeitraum gesunkene Häufigkeit von Krankenhausauf-enthalten mit Herzinfarkt. Anders dagegen im KHK-Kollektiv: hier bleibt die Rate in den Beobach-tungsjahren weitgehend konstant bei ca. 27 Eingriffen pro 1000 Vj. Das Spektrum der revaskula-risierenden Maßnahmen hat sich stark zwischen 2004 und 2010 verändert: entfielen 2004 noch 40,6% der revaskulierenden Eingriffe auf die koronare Bypass-Operationen beträgt ihr Anteil in 2010 noch 26,3%. In 2004 erfolgte zudem die Hälfte der koronaren Revaskularisationen mit un-beschichteten Stents und nur 5,8% mit beschichteten Stents. In 2010 werden beschichtete und unbeschichtete Stents zu jeweils etwa einem Drittel eingesetzt.
In allen Beobachtungsjahren zeigt sich: (1) Die höchsten Revaskularisationsraten beobachten wir in der Gruppe der 40 bis unter 60 Jährigen, die zeithöchste bei 60 bis unter 80 Jährigen. Hochbe-tagte erhalten im Vergleich zu den anderen Altersgruppen häufiger unbeschichtete Stents. (2) Frauen erhalten seltener eine koronare Revaskularisation bei einem Herzinfarkt als Männer, in der Art der Revaskularisation bestehen jedoch keine substanziellen Unterschiede zwischen den Geschlechtern und (3) in Abhängigkeit vom Migrationsstatus zeigt sich kein einheitliches Bild.
Re-Interventionen bei der Revaskularisation
Maximal 10% der Versicherten weisen innerhalb eines Kalenderjahres einen zweiten revaskulari-sierenden Eingriff an den Koronararterien auf. Die Re-Interventionsraten sind zwischen 2004 und 2010 weithin stabil. Es zeigen sich keine ausgeprägten geschlechtsspezifischen Unterschiede. Die beiden mittleren Altersgruppen weisen auch die höchsten Re-Interventionsraten auf. Dies steht im Widerspruch mit den jeweiligen Anteilen der beschichteten Stents in diesen Altersgrup-pen, deren Einsatz mit einer niedrigen Re-Interventionsrate begründet wird. Aufgrund der zu ge-ringen Fallzahlen sind belastbare Vergleiche der Re-Interventionsraten in der Gruppe mit türk MigH nicht möglich.
Betrachtet haben wir wiederum zwei Kohorten von Versicherten: die „KHK“-Kohorte und die „Herzinfarkt“-Kohorte. Bei beiden Kohorten handelt es sich um Versicherte des Jahres 2006 ohne dokumentierte KHK oder Herzinfarkt in den Jahren 2004 und 2005. Für diese Kohorten standen Daten der Jahre 2007 bis 2010 zur Nachbeobachtung zur Verfügung.
Die KHK-Kohorte umfasst 55.380 Versicherte, darunter 31.325 Frauen (56,6%), 8.063 Hochbe-tagte (14,5%), 1.611 Versicherte mit türkischem Migrationshintergrund (2,9%) und 1.557 Auslän-der ohne türkischem Migrationshintergrund (2,8%). Die Herzinfarkt¬ko¬hor¬te umfasst 8.854 Versi-cherte, darunter 4.136 Frauen (46,7%), 1.948 Hoch¬betagte (22,0%), 187 Versicherte mit türki-schem Migrationshintergrund (2,1%) und 177 Ausländer ohne türkischem Migrationshintergrund (2,0%).
Mortalität
In der KHK-Kohorte sind innerhalb von fünf Jahren 8.392 Personen verstorben (16,1%), in der Herzinfarkt-Kohorte 2.858 (33,7%).
Unter geleichzeitiger Einbeziehung von Informationen aus den 364 Tagen VOR dem Indexereig-nisses erweisen sich in beiden Kohorten die gleichen Merkmale als unabhängige Einflussfaktoren auf die Sterblichkeit in den fünf Jahren nach dem Indexereignis. Im Folgenden beschreiben wir die Faktoren der Herzinfarkt-Kohorte ausführlicher.
• Mit erhöhter Sterblichkeit gegenüber der jeweiligen Referenzkategorie einhergeht: männ-liches Geschlecht (Hazard Ratio 1,12 95% KI 1,03 bis 1,21), höheres Lebensalter (pro Lebensjahr HR 1,07), das Vorliegen von somatischer Komorbidität (Pulmonale Hypertonie, COPD, Diabetes mellitus, Nieren¬insuf¬fi¬zienz (Hazard ratios zwischen 1,1 und 1,4), Verhal-tensstörungen durch Alkohol (HR 2,3, 95% KI 1,8 bis 2,8). Ebenso erhöht die Verordnung von Antidiabetika, Antithrombotika und Antidepressiva die Sterblichkeit (HR zwischen 1,2 und 1,5)
• Mit geringerer KHK-Sterblichkeit verbunden ist das Vorhandensein eines türkischen Mig-rationshintergrundes (HR 0,64; 95% KI 0,42 bis 0,99) und eine Lipidstoffwechselstörung (HR 0,81, 95% KI 0,74 bis 0,88)
• Keinen eigenständigen Einfluss auf die KHK-Sterblichkeit besitzen die Merkmale „Ein-schreibung in Disease Management Programm Diabetes mellitus“, „Einschreibung in DMP KHK“ und Inanspruchnahme einer Check up-35 Untersuchung.
Für die KHK-Kohorte werden im Wesentlichen die gleichen Risiko- und Protektivfaktoren aus dem zeitlichen Vorfeld beobachtet, wobei die Hazard Ratios etwas ausgeprägter sind.
Nun betrachten wir Bedeutung von Charakteristika aus dem im zeitlichen Umfeld des Indexe-reignisses. Hier erweisen sich sowohl in der KHK- als auch in der Herzinfarkt-Kohorte die wäh-rend des Index-Aufenthaltes dokumentierten Begleiterkrankungen COPD, Diabetes mellitus, pul-monale Hypertonie, Niereninsuffizienz sowie Verhaltensstörungen durch Alkohol (HR zwischen 1,5 und 3,0), männliches Geschlecht und höheres Lebensalter als Faktoren, die zu einer höheren Sterblichkeit führen. Revaskularisierenden Maßnahmen reduzieren in der KHK-Kohorte das Sterberisiko nicht substanziell, in der Herzinfarkt-Kohorte dagegen erheblich (in der günstigsten Variante, durch Einsatz von beschichteten Stents auf unter 50%) und durchgehend statistisch signifikant.
Die stärkste (und signifikante) Reduktion des Sterberisikos auf deutlich unter 50% geht mit der Verordnung von Antithrombotischen Mitteln (Wirkstoffgruppe B01A) im ersten Jahr nach dem Index-Ereignis einher. Die möglichst kontinuierliche Verordnung von Betablockern reduziert das Sterberisiko ab dem zweiten Jahr signifikant auf unter 50%.
Revaskularisierende Maßnahmen
Wir gehen davon aus, dass eine qualitativ hochwertige Versorgung des Herzinfarktes sich auch darin manifestiert, dass möglichst viele Patienten mit einem Herzinfarkt eine revaskularisierende Maßnahme erhalten. In diesem Abschnitt geht es daher um die Frage, ob die vulnerablen Grup-pen in gleichem Umfang revaskularisiert werden wie die jeweiligen Vergleichskollektive.
In der Herzinfarkt-Kohorte ist bei 41,4% der Patienten im Jahr 2006/07 eine koronare Revaskula-risation dokumentiert. Multivariat haben wir für die drei betrachteten vulnerablen Gruppen mit der negativen Binomialregression standardisierte Ereignisraten berechnet. Sie sind das Verhältnis zwischen der in der betrachteten Kategorie beobachteten Zahl von revaskularisierenden Maß-nahmen im Vergleich zu der nach Verhältnissen in der Referenzkategorie erwarteten.
Die Wahrscheinlichkeit für eine koronare Revaskularisation ist bei Männern in etwa 40% höher als bei Frauen (SMR 1,43; 95% KI 1,34 bis 1,53). Hochbetagte haben eine deutlich geringere Chan-ce, im Jahr nach dem Herzinfarkt koronar revaskularisiert zu werden (SMR 0,46; 95% KI 0,41 bis 0,52), ebenso wie Menschen mit türkischem Migrationshintergrund (SMR 0,75; 95% KI 0,61 bis 0,93). Damit zeigt sich altersstandardisiert für die vulnerablen Gruppen eine erhebliche Unterver-sorgung mit revaskularisierenden Maßnahmen im Vergleich zu der jeweiligen Referenzgruppe. Bei Hochbetagten um den Faktor ½, bei Frauen etwa um den Faktor 2/3 . Die Versicherten mit türkischem Migrationshintergrund liegen um 25% bis 20% unter den Deutschen ohne türkischen Migrationshintergrund.
Empfohlene Medikamente in der Nachbehandlung des Herzinfarktes
Die von uns betrachteten vulnerablen Gruppen erhalten im ersten Jahr nach einem Herzinfarkt deutlich seltener Thrombozyten Aggregationshemmer und in den ersten drei Jahren deutlich sel-tener ß-Blocker verordnet. Die entsprechenden Odds Ratios für Männer, Hochbetagte und Men-schen mit türkischem MigH betragen 1,82, 0,57 und 0,62.

Forschende und kooperierende Einrichtungen

Projektverantwortliche

Förderung

Veröffentlichungen

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Stand: 20.06.2016