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Bindungstraining für Alleinerziehende

 

Projektkennung VfD_wir2_05_003704
Laufzeit von 01/2005, fortlaufend
Webseitehttp://www.wir2-bindungstraining.de/
Status des Projekts laufend

 

Projektbeschreibung

Fragestellung(en) Führt die Teilnahme am wir2 Bindungstraining zu einer Redezierung der psychischen/psychosomatischen Belastungen alleinerziehender Mütter mit Kindern im Vor- und Grundschulalter?
Hintergrund / Ziele Jährlich erleben 200.000 Kinder in Deutschland die Trennung ihrer Eltern. Jedes fünfte Kind wächst bei nur einem Elternteil auf, zu 85 % bei der Mutter. Studien belegen das hohe Armutsrisiko sowie erhöhte psychosoziale und gesundheitliche Belastungen für Alleinerziehende und ihre Kinder. Alleinerziehende stehen vor großen Herausforderungen: erhebliche Mehrfachbelastungen im Alltag, Verlust sozialer Unterstützung, zum Teil hochstrittige Trennungen. Für alleinerziehende Mütter wurden gegenüber Müttern aus Paarfamilien deutlich erhöhte relative Risiken für zahlreiche Erkrankungen beschrieben, u.a. Suchterkrankungen, erhöhter Medikamentengebrauch, Rauchen, Atemwegserkrankungen, Lungenkrebs, chronische Schmerzen, psychosomatische Erkrankungen und besonders Depressionen. Die maternalen Belastungen erhöhen das Risiko auch für kindliche Verhaltensprobleme sowie schulische und gesundheitliche Beeinträchtigungen mit möglichen Langzeitfolgen bis ins Erwachsenenalter. Diese intergenerational wirksamen Risiken können mit dem wir2 Bindungstraining abgeschwächt werden. wir2 ist ein bindungstheoretisch fundiertes Elterntraining für Alleinerziehende mit Kindern im Vor- und Grundschulalter. Mit einer RCT-Studie wurde die nachhaltige Wirksamkeit des Programms nachgewiesen. wir2 ist deshalb in der höchsten Evidenzkategorie der Grünen Liste Prävention gelistet und bundesweit verfügbar.
Methodik Das wir2 Bindungstraining ist ein bindungsorientiertes, emotionszentriertes Gruppenprogramm für psychosozial belastete alleinerziehende Mütter mit Kindern im Vor- und Grundschulalter. Es besteht aus 20 wöchentlichen Sitzungen von je 1,5 Std und wird von erfahrenen und speziell geschulten Fachkräften geleitet. Das Programm fokussiert auf eine Reduktion der mütterlichen psychischen Belastung und Depressivität sowie auf eine Verbesserung der – durch depressive Symptome oft beeinträchtigten – Sensibilität für kindliche affektive Zustände und Bedürfnissignale, wodurch die Mutter-Kind-Beziehung und -Bindung gestärkt werden soll.

Die kurz- und längerfristige Wirksamkeit (6-Monats-Follow-up) des wir2 Bindungstrainings auf mütterliche und kindliche Zielvariablen wurde in einer randomisierten, kontrollierten Interventionsstudie mit 58 alleinerziehenden, mittelgradig psychisch belasteten (Werte > 7 auf mindestens einer Subskala der HADS) Müttern aus Neuss und Hilden nachgewiesen (Franz et al., 2009; Franz et al., 2010; Weihrauch et al., 2014).
Datenbasis Primärdaten
   Beobachtungen  (Stichprobengröße: 58)
   Befragung Paper & Pencil  (Stichprobengröße: 58)
Studiendesign Randomisierte kontrollierte Studie (RCT)
Untersuchte Geschlechter weiblich
Untersuchte Altersgruppen von 0 bis 99 Jahre
Ergebnisse Die kurz- und längerfristige Wirksamkeit (6-Monats-Follow-up) des wir2 Bindungstrainings auf mütterliche und kindliche Zielvariablen wurde in einer randomisierten, kontrollierten Interventionsstudie mit 58 alleinerziehenden, mittelgradig psychisch belasteten (Werte > 7 auf mindestens einer Subskala der HADS) Müttern aus Neuss und Hilden nachgewiesen (Franz et al., 2009; Franz et al., 2010; Weihrauch et al., 2014). Sowohl unmittelbar nach der Intervention als auch 6 Monate später zeigten sich bei den Müttern der Interventionsgruppe (IG) im Vergleich zu ihren Ausgangswerten und zur Kontrollgruppe (KG) signifikante Verbesserungen ihrer psychischen Gesundheit: Ihre mit der SCL-90-R erfasste depressive Belastung sank im Mittel von 1.42 (SD=0.79) zum ersten Messzeitpunkt (t1) um etwa die Hälfte auf einen Mittelwert von 0.69 (SD=0.58) nach der Intervention (t2) und blieb auch in der Follow-up-Untersuchung (t3) im Vergleich zum Ausgangswert stark reduziert (M=0.78, SD=0.72). In der Kontrollgruppe kam es zwar ebenfalls zu einem allmählichen Absinken der depressiven Symptome (von M=1.11 (SD=0.76) zu t1 auf M=0.91 (SD=0.66) zu t2 und M=0.71 (SD=0.56) zu t3), unter Berücksichtigung des höheren Ausgangsniveaus der IG fiel die Verbesserung in der IG aber stärker aus (signifikanter Gruppe x Messzeit-Interaktionseffekt, partielles Eta² beim t1-t2-Vergleich (η2) =.09, beim t1-t2-t3-Vergleich =.08). Das belegen auch die nach der Hedges‘ g-Statistik berechneten, um Ausgangslagenunterschiede und eine Verzerrung durch kleine Gruppengrößen bereinigten standardisierten Mittelwertunterschiede (Effektstärken) zwischen IG und KG von gt2 = -0.74 zu t2 und gt3 = -0.28 zu t3. Auch die allgemeine psychische/psychosomatische Belastung der Mütter (GSI der SCL-90-R: gt2=-0.77, gt3=-0.40; BSS 7-Tage-Gesamtwert: gt2=-0.79, gt3=-0.92) und ihr psychisches Wohlbefinden (Psychische Summenskala der SF-12: gt2=0.91, gt3=0.60) verbesserten sich durch die Teilnahme am wir2-Programm signifikant. Im Prä-Post-Vergleich ließ sich zudem eine signifikante Verbesserung der emotionalen Kompetenzen der Mütter feststellen (SEE: gt2=0.8 und gt3=0.57).

Auch bei den Kindern der wir2-Teilnehmerinnen konnten indirekte positive Effekte des Programms auf das kindliche Selbstkonzept festgestellt werden. Im Hinblick auf das durch Erzieher beurteilte kindliche Problemverhalten (SDQ) zeigte sich ein statistischer Trend. Durch den geringen Rücklauf an Fragebögen waren in diesem Maß die Fallzahlen (IG=11, KG=17) und damit die Teststärke allerdings sehr gering. Die von der Stichprobengröße unabhängigen Effektstärken liegen sowohl beim Prä-Post-Vergleich (gt2=-0.50) als auch beim Vergleich über alle 3 Messzeitpunkte (gt3=-0.59) in einem mittleren Bereich und zeigen eine Überlegenheit der IG an.

Die Effektstärken des wir2-Elterntrainings lagen beim Prä-Post-Vergleich in einem mittleren bis hohen Bereich (s.o.) und waren vergleichbar mit denen anderer englischsprachiger Elterntrainings (Weihrauch et al., 2014) oder gingen sogar darüber hinaus. Bei der Follow-up-Untersuchung fielen die Effektstärken teilweise schwächer aus, was in erster Linie auf eine allmähliche Verbesserung der KG (Erwartungseffekte, unspezifische Behandlung, mehr positive Lebensereignisse) zurückzuführen ist, während die Verbesserungen der IG nach dem wir2-Training erhalten blieben.

Aus klinischer Sicht erwiesen sich die erzielten Verbesserungen ebenfalls als bedeutsam. Nach der Teilnahme am wir2-Bindungstraining reduzierte sich der Anteil an Müttern mit klinisch auffälligen Depressionswerten in der IG von 35% auf 15% (p<0.10 (87)) und blieb auch zu t3 auf diesem Niveau, während sich der Anteil hoch depressiver Mütter in der KG von t1 zu t2 nicht veränderte (jeweils 34%) und zu t3 nur geringfügig abnahm (25%, ns). Auch die subjektive Zufriedenheit der Teilnehmerinnen mit dem wir2-Programm war sehr hoch, als Schulnote erhielt das Programm eine 1,7 (SD = 0,6).

Die positiven Veränderungen bei den Müttern der IG waren selbst 12 Monate nach der Intervention noch nachweisbar. Da die Kontrollgruppe nach dem dritten Messzeitpunkt ebenfalls die Intervention erhielt, konnte bei t4 (12 Monate nach der Intervention) jedoch nur noch der Verlauf innerhalb der Interventionsgruppe auf signifikante Veränderungen hin untersucht werden. So zeigten sich zum vierten Messzeitpunkt auch einige neue Effekte, die zu t3 noch nicht beobachtet werden konnten: Das Erleben von Emotionsmangel nahm über die vier Messzeitpunkte kontinuierlich ab, erst zu t4 war der Unterschied zum Ausgangswert jedoch signifikant. Das Gleiche gilt für das Erleben von Selbstkontrolle: Hier ist eine stetige Zunahme über die vier Messzeitpunkte zu verzeichnen, die ebenfalls erst zum vierten Messzeitpunkt signifikant wird. Die nachhaltig positiven Effekte des wir2 Bindungstrainings sprechen für seine langfristige Wirksamkeit weit über das Trainingsende hinaus.

Forschende und kooperierende Einrichtungen

Projektverantwortliche

Förderung

Veröffentlichungen

Schlagwörter

 

Stand: 02.12.2015