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Gesundheitsförderung effektiv und bezahlbar?

Ökonomische Analyse eines Gesundheitsförderprogramms an Grundschulen in Baden-Württemberg

 

Projektkennung VfD_13_003405
Laufzeit von 09/2013 bis 02/2015
Status des Projekts laufend

 

Projektbeschreibung

Fragestellung(en) Der niedrigschwellige Ansatz des Gesundheitsförderprojekts „Komm mit in das gesunde Boot – Grundschule“ zeigt einen positiven Einfluss auf die Entwicklung der Körpermaße und gesundheitsbezogenen Lebensqualität im Vergleich zur Nicht-Intervention. Die Kosten der Intervention in der Routinedurchführung liegen dabei unter der maximalen Zahlungsbereitschaft des befragten Elternkollektivs.
Hintergrund / Ziele Hintergrund:
Die Zunahme der Prävalenz übergewichtiger Kinder resultiert in einer steigenden Anzahl von Programmen zur Prävention und Gesundheitsförderung, vor allem im Setting Schule. Nur sehr wenige wurden bisher auf ihre Kosten-Effektivität untersucht.
Ziel:
Der Einfluss des „Komm mit in das gesunde Boot – Grundschule“ schulbasierten Gesundheitsförderprogramms auf anthropometrische Maße und gesundheitsbezogene Lebensqualität bei Grundschulkindern wird analysiert. In einer gesundheitsökonomischen Evaluation wird untersucht, ob die Intervention eine günstige Kosten-Effektivitäts Relation (IKER) und einen positiven monetären Nettonutzen (NMB) erreicht. Als Schwellenwert soll hierzu die bei den Eltern erfasste Zahlungsbereitschaft dienen.
Methodik Die Evaluationsstudie des Gesundheitsförderprogramms ist eine auf Schulebene randomisierte, zweiarmige, longitudinale Studie im Warte-Kontrollgruppen Design. Messungen erfolgten zu drei Zeitpunkten in drei aufeinander folgenden Schuljahren von 2010 bis 2013. Initial lag die Teilnahme bei 1969 Kindern in 86 Schulen.
Anthropometrische Daten wurden in den Schulen vor Ort von geschultem Personal erfasst. Die Eltern beantworteten umfassende Fragebögen zu gesundheitsbezogener Lebensqualität ihrer Kinder, Gesundheitsverhalten, Lebensstil und Lebensumwelt.
Die Effektivität der Intervention soll bestimmt werden über Veränderungen der anthropometrischen Zielgrößen und gesundheitsbezogenen Lebensqualität. Für die gesundheitsökonomische Untersuchung werden Standardmethoden der Kosten-Effektivitäts Analyse angewandt. Kosten und Ressourcenverbrauch wurde während der Studiendurchführung protokolliert bzw. in den Elternfragebögen erfragt.
Datenbasis Primärdaten
   Befragung postalisch  (Stichprobengröße: 1.800)
   Interview (Face to face)  (Stichprobengröße: 1.800)
   Anthropometrische Untersuchung  (Stichprobengröße: 1.800)
Studiendesign Randomisierte kontrollierte Studie (RCT)
Untersuchte Geschlechter weiblich und männlich
Untersuchte Altersgruppen von 5 bis 10 Jahre
Ergebnisse Hintergrund und Fragestellung: In Deutschland liegen bisher kaum Daten zur Versorgungsökonomie von Gesundheitsförderprogrammen hinsichtlich der Primärprävention von Übergewicht und Adipositas vor. Deshalb sollten, eingebettet in die Outcome-Evaluationsstudie des landesweiten Gesundheitsförderprogramms „Komm mit in das gesunde Boot – Grundschule“, Daten zur Bewertung der Kosten-Effektivität der Intervention im Vergleich zur Nicht-Intervention erfasst werden. Die Kosten der Intervention in der Routinedurchführung sollten dabei möglichst unter der maximalen Zahlungsbereitschaft (Willingness to Pay, WTP) des befragten Elternkollektivs liegen.
Methoden: Das Studiendesign entspricht einer clusterrandomisierten, prospektiven Studie mit Interventions- und Warte-Kontrollgruppe. Bei 1733 Kindern lagen zu beiden Messzeitpunkten Angaben zu Größe, Gewicht und Bauchumfang vor. Alle anfallenden Kosten für die Intervention einschließlich Personalkosten, Kosten für die Schulung und Betreuung der Lehrer und Materialkosten wurden protokolliert und im Studiensekretariat gesammelt. Kosten für eine routinemäßige Durchführung des Programms wurden von Kosten für den wissenschaftlichen Overhead separiert und den verschiedenen Kostenkategorien zugeordnet. Für die Auswertung der WTP bei den Eltern lagen zum zweiten Messzeitpunkt in 2011 Angaben von 1451 Teilnehmern vor. Deskriptive und bivariate Statistiken wurden mit IBM SPSS Release 21.0 für Windows (SPSS Inc, Chicago, IL, USA) durchgeführt. Für die Berechnung der Effektivität wurden lineare und logistische Regressionsmodelle sowie Mehrebenenmodelle zur Berücksichtigung der Clusterung der Daten herangezogen. Diese Analysen erfolgten mit dem statistischen Softwarepaket R Release 3.1.2 für Windows (http://cran.r-project.org). Für die Berechnung der WTP wurde eine Bootstrap-Intervallregression mit Stata 11 (StataCorp LP, College Station, TX, USA) durchgeführt.
Ergebnisse: Es zeigten sich keine signifikanten Unterschiede in den metrischen Körpermaßen und in den nach BMI definierten Gewichtsgruppen. Das adjustierte Odds Ratio (OR) der Interventionsgruppe für die Inzidenz zentraler Adipositas war 0,48 [95% KI (0,25; 0,94)]. Nach Imputation fehlender Werte in das Regressionsmodell lag das OR bei 0,60 jedoch nur noch auf dem 10% Niveau signifikant. Die auf Grundlage der Inzidenzraten berechnete Anzahl vermiedener Fälle lag je nach zugrunde gelegter Teilnehmerzahl zwischen 14 und 19, extrapoliert auf die Grundgesamtheit (alle Programmteilnehmer) bei 520. Die Kosten pro vermiedenem Fall lagen dementsprechend zwischen €1515 und €1993. Die Gesamtkosten der Intervention lagen bei €36506 bzw. €25,04/Schüler und Jahr und damit deutlich unter der durchschnittlichen Zahlungsbereitschaft der Eltern von jährlich €123,24 (€10,27/Monat).
Schlussfolgerungen: Schulische Gesundheitsförderung kann positive Auswirkungen auf die Inzidenz zentraler Adipositas bei Grundschülern haben. Dabei liegen die Kosten von €25,04/Schüler und Jahr deutlich unter der WTP der Eltern mit €123,24/Jahr. Eine Verringerung der Inzidenz zentraler Adipositas ist besonders sinnvoll, da gesundheitliche Risiken von Adipositas vor allem auf eine erhöhte Bauchfettmasse zurückzuführen sind.
Verwertungsoptionen für die medizinische Versorgung: Gesundheitsförderung/Prävention als wichtiger Teil der medizinischen Versorgung sollte allen Bürgern in gleichem Maße zugänglich sein. Der Prävention von zentraler Adipositas kommt eine besondere Bedeutung zu, da sie mit fast allen nicht übertragbaren Krankheiten assoziiert ist. Ein frühzeitiger Einsatz präventiver Maßnahmen sollte daher flächendeckend implementiert werden. In Settings wie Schule und Kindergarten können Kinder mit einfachen und kostensparenden Mitteln erreicht werden. Kosten von €25,04/Kind und Jahr sind angesichts der WTP der Eltern vertretbar und könnten durch eine Aufnahme von wesentlichen Inhalten der Gesundheitsförderung in die Lehrerausbildung und die Eingliederung des vorliegenden Programms in den Lehrplan der Schulen noch gesenkt werden. Ein Transfer der wissenschaftlichen Ergebnisse in politische Entscheidungen ist wünschenswert.

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Stand: 06.03.2017